Winter, adé!

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  snap12.jpg  Der alte Herr Helmut Winter war müde. Sehr müde. Nicht nur für einen Tag oder eine Nacht, sondern müde überhaupt, vom Leben. Er hatte viel mitgemacht, teils durch eigene Schuld, zwei Kriege, unzählige Ehen und zuletzt eine Beinamputation von rechts, wegen dem Rauchen. Was sollte da noch kommen im Leben, so wird man ja doch kein Präsident mehr.
  Dabei war Helmut Winter noch längst nicht am Ende; die entscheidenen Teile seines Körpers waren alle kerngesund. Er müsste schon sehr rohe Mittel einsetzen, wollte er seinen Abgang vorverlegen. Doch Herr Winter war überhaupt keine gewaltätige Person.

  Betrübt zog er seinen Mantel über und humpelte hinunter zur Straße. Er erledigte ein paar Einkäufe und war auch mal auf der Postbank.
  Als er endlich wieder in seiner Wohnung stand, war er erneut müde von allem. So konnte es nicht weitergehen, das wusste Herr Winter schon auch.

  Da klopfte es an der Tür diese Tage. Ein Kerl von der Presse und seine Sekretärin oder was, eine Asiate: Ob der gute Herr Winter denn wirklich siebenmal verheiratet gewesen war?
  Das siebte Mal sei er noch verheiratet, sagte er.
  Zusammenlebend?
  »Das hat einige sehr verschiedene Gründe. Vereint findet man sie auch in dem Wort Untreue, denke ich.«
  »Sehen Sie,« sagte der Pressemann, der den müden Winter nicht verstand, und die Sekretärin rückte an ihrer Brille aus Fernost, »wenn Sie, Herr Winter, alle diese Frauen überleben, hätten Sie als siebenfacher Witwer einen Weltrekord inne, ganz offiziell. Wir vom Blatt würden sozusagen die Schirmherrschaft übernehmen, falls es zu diesem Rekord kommt. Vier ihrer Frauen leben ja noch. Wir würden jedenfalls die Notare zur Beglaubigung und alles Organisatorische stellen, die Festlichkeiten und die Pressearbeit natürlich, und uns in der Zukunft des Blattes an den Rekord erinnern, wir werden zudem…«
  »Ist das etwa eine Aufforderung zu Mord und Totschlag?«
  »Ach wie denn.« Dann ein helles Lachen mit gebleckten Zähnen: »Es ist eine Aufforderung zu überleben, an Sie ganz persönlich!«
  »Unkraut vergeht nicht…«, spann der Winter mürrisch weiter.
  »Also«, mischte sich die Sekretärin ein, »wenn sieben Frauen Sie wollten, dann muss schon auch Gutes an Ihnen sein.« Sie lächelte affektiert. Unschön. Sie hatte ein unschönes Lächeln. Wie das Lächeln von einem Doppelspion. Eine Schlange mit Haifischaugen und Atem vom Wolf.

  Man tauschte noch Visitenkarten aus; fortan konnte Herr Winter nicht mehr behaupten, die Fakten nicht zu kennen. Ein erster Schritt war getan.
  Er zog sich noch einmal seinen Mantel über, etwas rascher als gewöhnlich, und hopste sogleich pfeifend den Hausflur hinunter, auf dem Weg, sich eine Flasche Champagner zu holen. Die konnte er nun gut brauchen, vorbei mit allem Trübsalblasen – diesen Rekord, ha, den holte er doch mit links ein. Endlich würde er wieder wer sein; »ein toller Mann«, hatte die Haifisch gesagt. Schon lange hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt, zum Bäumeausreißen, in diesem Moment. Da erfasste ihn plötzlich wie aus dem Nichts einer dieser Autobusse frontal, die die Krankenkasse gegen Einbeinige losgeschickt hatte, just an diesem Tag, in dieser Gegend! Und der Herr Winter war natürlich mit einem Schlag dahin.

  So kam es in die Zeitung. Mit Foto.

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