Unbeherrschte Contenance

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  Ich mochte sie gern. Sozusagen liebte ich sie. Sie wusste darüber Bescheid, sicherlich. Doch hoffentlich nicht so, wie es wirklich war. Auf jeden Fall ahnte sie etwas. Gewiss kannte sie sich aus in diesen Dingen. Und ich war schließlich kein Verstellungskünstler; wohl eher ein Taschenspieler. Sie musste mich längst entlarvt haben, stellte sich was vor, wahrscheinlich ganz brav. Es war anzunehmen, dass sie das tat. Sich dadurch selbst imponierte. Ich hoffte es mal. Und dass sie sich nicht über mich belustigte. Dazu war sie eigentlich gar nicht die Person, so was lag ihr nicht; wie sonst hätte ich sie mögen können. Ein wenig hatte ich aber auch Angst davor.

  Erst die Tage hatte ich wegen ihr geweint. Ziemlich lange sogar. In der Hoffnung, dass sie einmal davon erfahren würde. Doch dazu sollte es wohl nie kommen. Was tatsächlich in mir vorging? Nein, das konnte sie nicht wissen. Und ich dachte, dass es abartig war. Böse war es nicht. Aber richtig eben auch nicht. Weil es ja so war, wie sie es sich nicht ausmalen konnte; sicher nicht.

  Sozusagen liebte ich sie. Wenn ich mal groß sein würde oder siebzehn, dann wollte ich ihr alles erzählen. Im Moment aber war so was nicht gefragt. Also ging es nicht. Sie war meine Deutschlehrerin und auf alle Fälle schon sehr belesen. Das musste man ihr lassen. Es gab kein Buch, von dem man entschieden annehmen konnte, dass ausgerechnet sie es nicht kannte. Natürlich wird es da einige gegeben haben, aber richtig vorstellen konnte ich es mir nicht.

  Ihre Hände rochen nach Seife. Nicht zu streng, nicht zu billig, aber nach Seife. Ich hatte meine Nase oft genug in die Aufgabenhefte gesteckt, um hierüber eine gesicherte Meinung zu haben. Und sie hatte stets rote Wangen. Das war wundervoll. Es zeugte von so vielem, glaubte ich. Alles an ihr war gut und gesund. Mutter war immer blass gewesen, bis zum Schluss. Sie hatte kein schönes Ende. Bei meiner Deutschlehrerin war das nicht zu befürchten; bei Gott, ich befürchtete es nicht.

  Manchmal war sie nervös. Dann versteckte sie sich die komplette Doppelstunde lang hinter einer Brille, die, so glaubte ich, zum Lesen gar nicht taugte. Immerhin hatte sie kerngesunde Augen, glasklar, ungetrübt. Und sie war stets um Beherrschung bemüht. Sozusagen liebte ich das an ihr, denn die meisten Leute, die ich kannte, versuchten sich erst gar nicht in Kontainaunce Contenounce Kontenuance Scheiße Contenance, ja genau.

  Ich wette, die wussten nicht einmal, wie man das schreibt.  calvin1.gif

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