Jeffrey und Jeff

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  Mein Onkel, der stets sehr alt und mein Großonkel war, aber ich hatte keinen richtigen Onkel, weshalb ich meinen Großonkel Onkel nannte, der hat mich belehrt: »Nicht hinschauen, sondern anschauen!«
  Ja, genau…

  Als ich nun diese Kerle vor mir sah, die sich einen Neger als Punchingball hergenommen hatten, ihn mit ihren Fäusten bis zur Unkenntlichkeit bearbeiteten, obwohl sie einen Neger nie weiß bekommen würden, da war es mir zum Wegschauen zumute beim Hinschauen.
  Und gerade als ich mich überzeugt zu haben schien, dass die Sache mich nichts anginge, als ich mich abwenden wollte, weil dem Neger auch schon das viele Blut sonstwohin lief, unaufhaltsam aus ihm herausgeprügelt, sie waren bereits nah dran, ihn endgültig kaltzustellen, da besann ich mich auf die Lehren meines Großonkels, Gott habe ihn selig.

  »The Lord shouldn’t testify against me«, durchfuhr es mich; ich sah nicht mehr nur hin, ich sah mir die beängstigenden Burschen an, statt nur die Szene: Es waren viere.
  Der eine hatte offensichtlich seine Schlagfaust bereits verstaucht, wenn nicht gar gebrochen. Der andere, dessen Brille irgendwo im Straßendreck lag, orientierte sich bloß noch am eigenen Gebrüll, mindestens so angetrunken wie seine Kumpel. Der dritte, ein kleiner fieser Doggentyp, der nur aus Schultern halslos zu bestehen schien, hatte keine Fingernägel, wahrscheinlich nie welche gehabt, ein Mundpupser von einem Unterrichtsstörer, torkelnd auf kurzen Beinen. Und der vierte, ihr schlaksiger Anführer, machte einen erschöpften Eindruck, aufgrund verausgabter Kondition, ein verbrauchter Raucher, mal eben wieder schlecht gelaunt.

  Ich stellte meinen Aktenkoffer seitlich auf dem Gehweg ab, warf mein Sommerjacket drüber und krempelte die Hemdsärmel hoch, während ich schlagfertig rief: »Halte aus, Jeffrey – ich komme! Aus denen machen wir Kleinholz! Ich nehme den Lulatsch zuerst!«

  Alle starrten mich an, sahen meine Zornesröte, meine wilde Entschlossenheit, mit der ich den Anführer fixierte. Dann glotzten sie einander an, so erschrocken, als seien sie sich neu, und stoben plötzlich auseinander, auf und davon, ohne sich nach mir, dem Neger oder ihren Hinterlassenschaften noch einmal umzudrehen.

  Sie rannten nicht wirklich schnell, ich hätte sie einholen können, sie waren tatsächlich keine Sportskanonen, so hilflos wie sie stolperten, halbwegs erbärmlich. Vier dumme Hunde, die vor mir die Flucht ergriffen. Sie hatten einfach nur hingeschaut, mich nicht wirklich angeschaut – sonst hätten sie meine Skepsis statt entschlossenem Tatendrang bemerkt – damals, an diesem verdammt heißen Tag, an dem ich breitbeinig mit einer Büroschere bewaffnet auf dem Trottoir unserer Stadt zu sehen war, wie ein Fotograph es historisch dokumentierte.

  »Ich heiße nicht Jeffrey,« stöhnte der Neger und kam mit meiner Hilfe auf die Beine; ein Riesenkerl, als er erstmal stand.
  »Ich weiß, Jeff«, sagte ich, »wäre ja noch schöner…«

  Heute ist er, den ich immer noch Jeff nenne, mit meiner ältesten Tochter verheiratet. Die hatte er sich genau angeschaut, als meine Frau ihn später bei uns oben in der Wohnung notdürftig zusammenflickte, noch bevor ich ihm je von meinem Großonkel, Onkel Jeffrey, erzählte. Wie gesagt, ein Riesentyp. Drei Enkelkinder hat er mir bereits geschenkt.

  Ich lege Foto und Schere zurück an ihren Platz.

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