Der Neinsager

 

  »So, mein Lieber, Kamera und Ton laufen. Wir haben Sie wieder einmal zum Interview geladen, Ihnen geht es gut? Sie sitzen bequem?«
  »Ja.«
  »Sie verheimlichen, so ist über die Presse-Agenturen zu erfahren, einmal wieder ein neues Buch. Ein weiteres Werk, das Sie zwar geschrieben haben, aber nicht veröffentlichen wollen. Sie weigern sich, und deshalb sind Sie heute hier.«
  »Ja.«
  »Wo andere publizieren, da verheimlichen Sie?«
  »Ja.«
  »Ist das der eigentliche Schlüssel zu Ihrem Erfolg? Ich meine, jeder redet über Sie, den Autorenstar, kaum einer wird so gefeiert wie Sie, dabei kennen wir ja keines Ihrer Werke.«
  »Ja.«
  »Sind Ihre Werke denn wirklich so gut?«
  »Ja.«
  »Zu gut?«
  »Ja.«
  »Über niemanden gibt es mehr Anfragen im Fachhandel. Ihre Bücher stehen auf den Wunschlisten ganz oben. Auch im weltweiten Internet. Dort haben Sie diese Woche Herrn Salinger verdrängt, der sich ja seit über vier Jahrzehnten schon verweigert. Sie jedoch brachten es nun in New York auf die Titelseiten…«
  »Ja.«
  »Und Sie aßen vorhin mit Bruce Willis zu Mittag…«
  »Ja.«
  »Sie sind also der meistgefragteste Autor dieser Tage? Führen in jeder Liste?«
  »Ja.«
  »Und das nicht nur im deutschsprachigen Raum…«
  »Ja.«
  »Obwohl Sie noch gar nicht übersetzt sind?«
  »Ja.«
  »Weil Sie sich ja weigern, zu publizieren?«
  »Ja.«
  »Aber Sie haben diese Bücher geschrieben…«
  »Ja.«
  »Die Sie jedoch verheimlichen…«
  »Ja.«
  »Na gut. Und nun haben Sie ein neues Buch geschrieben? Das all die anderen noch übertrifft?«
  »Ja.«
  »Und alle wollen es lesen! Selbst die Anfragen sind sozusagen schon vergriffen…«
  »Ja.«
  »Aber Sie wollen damit nicht in Druck gehen…«
  »Ja.«
  »Und Sie sacken dabei eine Menge Gelder ein, salopp gesacht, sind prominent und werben fernsehweit für Schuppenshampoo und den alten Duden, nun auch für die Daimlers, und lassen sich gerne hier und da gegen Gage einladen und verwöhnen, in Hotels kutschieren, mit allem drum und dran…«
  »Ja.«
  »So wie heute hier…«
  »Ja.«
  »Und das alles macht Sie nur reicher und bekannter…«
  »Ja.«
  »Sie haben auch Sponsoren?«
  »Ja.«
  »Die Ihre Werke nie sahen?«
  »Ja.«
  »Nun, ich kann mich nicht freisprechen, denn auch ich würde mittlerweile nur zu gerne ein Buch von Ihnen lesen, seit einiger Zeit. Sonst bin ich ja eher nicht so neugierig. – Sie sind hoffentlich bei alledem gegen Einbrecher gut gefeit?«
  »Ja.«
  »Etwas gemein ist das ja schon, dass Sie die Leute so auf die Folter spannen mit all der Verheimlichung Ihrer Bücher, aber es steht Ihnen natürlich zu…«
  »Ja.«
  »Als freier Künstler, nich?«
  »Ja.«
  »Na, dann bedanke ich mich mal fürs Gespräch und freue mich schon auf Ihr nächstes Buch…«
  »Ja.«
  »Dann müssen Sie mir alles noch mal erzählen…«
  »Ja.«
  »Und danke, dass Sie mich diesmal haben ausreden lassen. Ach bitte, irgendein Exemplar könnten Sie mir doch geben…«
  »… Nein.«

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5 Responses to Der Neinsager

  1. canela sagt:

    🙂 köstliche geschichte! clever, so tun als ob und den journalisten futter geben. das letzte nein hat mir besonders gefallen…

  2. Katzenelson sagt:

    So tun als ob? Aber er hat die Bücher doch tatsächlich geschrieben, meine Liebe…

  3. canela sagt:

    hast du sie gelesen?

  4. Katzenelson sagt:

    Danke, dass Du mir Gedanken machst: Der Neinsager bekommt erst dadurch (s)einen Reiz, dass er die Bücher in der Tat geschrieben hat – drum auch hinterfragt die Story/der Interviewer gar nicht erst die Glaubhaftigkeit des Unabänderlichen (Münchhausen-Prinzip); „so tun als ob“ ist nicht das Thema, denke ich…

  5. mentalino sagt:

    gefällt mir, projektion ist alles… und noch mehr.

    l.g menta

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