Katastrophenalarm

Februar 15, 2008

  Ginas blasses Gesicht wäre wohl unwiderstehlich hübsch gewesen, wenn nur etwas fleischiger und ohne den verbitterten Ausdruck um jene Unmutsfalten, die ihre Mundwinkel herunterzogen. Sie stand bei der Küchenwand und drückte mit dem Daumen jene Ameisen platt, die unterwegs zur Mülltüte waren, mit kalten, gnadenlosen Augen.
  Als Lorenz eintrat, hob sie für keinen Moment den Blick; wie eine, die bis zu den Knien in Tränen stand und darüber staunte:

Katastrophenalarm


Märchen

Februar 11, 2008

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  Es war einmal ein kleiner Bauernhof: Märchen


Jeffrey und Jeff

Februar 8, 2008

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  Mein Onkel, der stets sehr alt und mein Großonkel war, aber ich hatte keinen richtigen Onkel, weshalb ich meinen Großonkel Onkel nannte, der hat mich belehrt: »Nicht hinschauen, sondern anschauen!«
  Ja, genau…

  Als ich nun diese Kerle vor mir sah, die sich einen Neger als Punchingball hergenommen hatten, ihn mit ihren Fäusten bis zur Unkenntlichkeit bearbeiteten, obwohl sie einen Neger nie weiß bekommen würden, da war es mir zum Wegschauen zumute beim Hinschauen.
  Und gerade als ich mich überzeugt zu haben schien, dass die Sache mich nichts anginge, als ich mich abwenden wollte, weil dem Neger auch schon das viele Blut sonstwohin lief, unaufhaltsam aus ihm herausgeprügelt, sie waren bereits nah dran, ihn endgültig kaltzustellen, da besann ich mich auf die Lehren meines Großonkels, Gott habe ihn selig.

  »The Lord shouldn’t testify against me«, durchfuhr es mich; ich sah nicht mehr nur hin, ich sah mir die beängstigenden Burschen an, statt nur die Szene: Es waren viere.
  Der eine hatte offensichtlich seine Schlagfaust bereits verstaucht, wenn nicht gar gebrochen. Der andere, dessen Brille irgendwo im Straßendreck lag, orientierte sich bloß noch am eigenen Gebrüll, mindestens so angetrunken wie seine Kumpel. Der dritte, ein kleiner fieser Doggentyp, der nur aus Schultern halslos zu bestehen schien, hatte keine Fingernägel, wahrscheinlich nie welche gehabt, ein Mundpupser von einem Unterrichtsstörer, torkelnd auf kurzen Beinen. Und der vierte, ihr schlaksiger Anführer, machte einen erschöpften Eindruck, aufgrund verausgabter Kondition, ein verbrauchter Raucher, mal eben wieder schlecht gelaunt.

  Ich stellte meinen Aktenkoffer seitlich auf dem Gehweg ab, warf mein Sommerjacket drüber und krempelte die Hemdsärmel hoch, während ich schlagfertig rief: »Halte aus, Jeffrey – ich komme! Aus denen machen wir Kleinholz! Ich nehme den Lulatsch zuerst!«

  Alle starrten mich an, sahen meine Zornesröte, meine wilde Entschlossenheit, mit der ich den Anführer fixierte. Dann glotzten sie einander an, so erschrocken, als seien sie sich neu, und stoben plötzlich auseinander, auf und davon, ohne sich nach mir, dem Neger oder ihren Hinterlassenschaften noch einmal umzudrehen.

  Sie rannten nicht wirklich schnell, ich hätte sie einholen können, sie waren tatsächlich keine Sportskanonen, so hilflos wie sie stolperten, halbwegs erbärmlich. Vier dumme Hunde, die vor mir die Flucht ergriffen. Sie hatten einfach nur hingeschaut, mich nicht wirklich angeschaut – sonst hätten sie meine Skepsis statt entschlossenem Tatendrang bemerkt – damals, an diesem verdammt heißen Tag, an dem ich breitbeinig mit einer Büroschere bewaffnet auf dem Trottoir unserer Stadt zu sehen war, wie ein Fotograph es historisch dokumentierte.

  »Ich heiße nicht Jeffrey,« stöhnte der Neger und kam mit meiner Hilfe auf die Beine; ein Riesenkerl, als er erstmal stand.
  »Ich weiß, Jeff«, sagte ich, »wäre ja noch schöner…«

  Heute ist er, den ich immer noch Jeff nenne, mit meiner ältesten Tochter verheiratet. Die hatte er sich genau angeschaut, als meine Frau ihn später bei uns oben in der Wohnung notdürftig zusammenflickte, noch bevor ich ihm je von meinem Großonkel, Onkel Jeffrey, erzählte. Wie gesagt, ein Riesentyp. Drei Enkelkinder hat er mir bereits geschenkt.

  Ich lege Foto und Schere zurück an ihren Platz.


Nicht zu knapp

Februar 6, 2008

  Sein Hosenboden glühte grausam. Von rechts überm Auge floss ihm Blut ins Gesicht. Eine harmlose Tracht Prügel vom Herrn Vater, aber er war ungeschickt gefallen und schrie und schrie. Nicht nur wegen der Schmerzen, sondern wegen der Panik in ihm auch und dass der Vater endlich von ihm ablassen sollte. Immer wieder erwischte ihn das Stuhlbein, das der Alte schwang. Wenn er jetzt schlappmachte, war es sein Ende, dann hätte er nicht mehr viel zu erwarten gehabt. Lange konnte er nicht mehr durchhalten; ihm ging bereits die Puste aus…

  Endlich: Da vorne war die Haustür!
  Geschafft.
  Die Treppen runter mit Gebrüll!
  Durch den Keller und nach hinten raus …
  Aufatmen.

  Unten lehnte die dicke Hofner auf ihrer Fensterbank. Er hasste sie. Wieder hatte sie alles mitgekriegt. Und wieder keine Meldung gemacht.
  Da er bei ihr vorüber musste, wischte er die Tränen fort, bedeckte seine Stirnwunde mit einer Hand, grüßte sie nett und wünschte: »Einen schönen Tag, Frau Hofner!«
  »Lauf nur! Lauf nur, mein Junge!«, rief sie ihm großzügig hinterher und hob ansatzweise bis gönnerhaft winkend ihren fetten Arm.

  Irgendwann würden sie die dicke Hofner mit einem Kran abholen, wenn sie so weiter machte, sie leblos von ihrer Fensterbank hieven, mit einem starken Seil um den riesigen Leib geschlungen und gut verschnürt, das war allen klar – damals, als mancher Knirps noch unbedingt Kranführer in der Heimat hatte werden wollen.


Urlaub mal ganz anders

Februar 5, 2008

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  Meine Frau und ich sind dank disziplinierter Vorsorge in der Lage, sehr regelmäßige Urlaube zu unternehmen. Wir bereisten schon die exotischsten Länder, und diesmal geht es nach Polen.
  Meine Frau wollte erst nicht. Ich auch nicht. Nur um ihre Macht zu zeigen, entschied sie sich dann andersherum, und jetzt fahren wir da hin. »Nach Polen!« Schluss.
  Das Gepäck ist verstaut und meine Gemahlin auch. Ich drehe den Zündschlüssel rum, und die alte Karre springt nicht an. Manchmal fahren wir halt doch nicht so regelmäßig in den Urlaub.
  Frau sagt: »Da brauchen wir wenigstens nicht zurückzufahren, bei den Straßen dort.« Sie geht ins Haus, und ich richte die Zündkerze wieder ein. Hauptsache meine Frau ist zufrieden. Und ich auch.


Nachts etwas zu weit um die Häuser gelaufen

Februar 4, 2008

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ish1.jpg  Der Regen kam mit Nachteinbruch in die Stadt, ohne zu überdauern. Nun laufe ich auf seinen schauerlichen Resten rum und genieße die Stille und den Duft.
  Das ist mal besser als Daheimsein, hier störe ich auch nicht.
  Meine Frau wird erst viel später am feuchten Mantel merken, dass ich noch fort war. Nachdem die Wohnungsdecke für trocken befunden ist.
  »Du warst noch draußen«, wird sie mich nicht enttäuschen, und ich werde mein »Hm« sagen. Wir sind Mann und Frau und verheiratet. Ich liebe meine Frau.
  Durch die halbe Stadt gelaufen komme ich fröstelnd am Bahnhof an; einen so großen haben wir ja nicht. Dennoch steht ein Nachtzug zur Abfahrt.
  Ich gehe hin und steige ein. Wohlig warm ist es hierinnen, als hätte man mich erwartet. Ich lasse mich auf der freien Bank nieder und strenge die Beine hoch. Dann schlafe ich ein. Sonntags fährt der Nachtzug sehr weit durch, bis nach Berlin. Und ich wohl auch.


Verriss

Januar 30, 2008

  Der Film handelte von einer Engländerin, die ein Baby von einem Neger zur Welt gebracht hatte; damit fing alles an: Verriss