Nicht zu knapp

Februar 6, 2008

  Sein Hosenboden glühte grausam. Von rechts überm Auge floss ihm Blut ins Gesicht. Eine harmlose Tracht Prügel vom Herrn Vater, aber er war ungeschickt gefallen und schrie und schrie. Nicht nur wegen der Schmerzen, sondern wegen der Panik in ihm auch und dass der Vater endlich von ihm ablassen sollte. Immer wieder erwischte ihn das Stuhlbein, das der Alte schwang. Wenn er jetzt schlappmachte, war es sein Ende, dann hätte er nicht mehr viel zu erwarten gehabt. Lange konnte er nicht mehr durchhalten; ihm ging bereits die Puste aus…

  Endlich: Da vorne war die Haustür!
  Geschafft.
  Die Treppen runter mit Gebrüll!
  Durch den Keller und nach hinten raus …
  Aufatmen.

  Unten lehnte die dicke Hofner auf ihrer Fensterbank. Er hasste sie. Wieder hatte sie alles mitgekriegt. Und wieder keine Meldung gemacht.
  Da er bei ihr vorüber musste, wischte er die Tränen fort, bedeckte seine Stirnwunde mit einer Hand, grüßte sie nett und wünschte: »Einen schönen Tag, Frau Hofner!«
  »Lauf nur! Lauf nur, mein Junge!«, rief sie ihm großzügig hinterher und hob ansatzweise bis gönnerhaft winkend ihren fetten Arm.

  Irgendwann würden sie die dicke Hofner mit einem Kran abholen, wenn sie so weiter machte, sie leblos von ihrer Fensterbank hieven, mit einem starken Seil um den riesigen Leib geschlungen und gut verschnürt, das war allen klar – damals, als mancher Knirps noch unbedingt Kranführer in der Heimat hatte werden wollen.

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Über meine possierlichen Nachbarn

Januar 12, 2008

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  Posen sind bekanntlich weit verbreitet, unter Kerlen sowieso. Die mich aber besonders treffen, fragen Sie mich nicht warum, sind die Familienvater-Posen. Herkömmlicherweise bei Mitfünfzigern in Begleitung einer jüngeren, aufgemotzteren Frau, zwei halberwachsenen Töchtern, einen fabrikneuen Middleclass-Wagen parat, also kaum abbezahlt, und ein vermeintliches Publikum. Wie die sich aufplustern können, mein lieber Pfau, eine Klasse für sich.

  Vielleicht merken Sie es schon, ich rede von Nachbar Hempel: Der führt bereits eine Art Gruppentanz auf, wenn er seine Familie nur von der Haustüre raus ins Auto einladen muss. Als Platzanweiser von diktatorischen Gnaden spielt er sich auf, mit weitausholenden Bewegungen, ohne Anfassen freilich, denn das machen die jungen Damen ja schon selbst, ganz alleine. So, die Türen in die Schlösser gezoomt, das Brusttaschenhandy überprüft und mit dem Taschentuch über die schweißnasse Stirn gefahren, dann schwebt der Herr des Hauses einmal komplett ums Auto, mit Hüftschwung, sofern das überhaupt geht (aha, am Rücklicht schnell drüber poliert) herum zum Piloteneinlass. Filialleiter bei der Sparkasse und ehrenamtlich stellvertretender Küster vor Ort. Fehlt nur noch, dass er rüberwinkt, dieser Clown. Da winkt er!

  Dann lässt er sich gemächlich in seine Sitzpolster plumpsen, zieht die Fahrertüre bei und probt die Lichthupe aufflackernd. Langsam rollt er vom Hof, ruckt fachmännisch am Rückspiegel, sehr präzise. Er placiert die Sonnenbrille auf der Ablage gut sichtbar, mit mir auf Augenhöhe schaut er herüber, nickt wie benommen und fährt vorbei. Ich hatte schon Angst, dass er hupt. Da hupt er.

  Am Abend, wenn die Kaufhäuser schließen, kehrt er zurück mit ihnen, gebeutelt und entnervt, mit leerer Brieftasche, abgefertigt. Ob er denn nicht auch mal mitanfassen wolle, wird seine Frau ihn auffordern, bevor er ihnen die Einkäufe mit hängenden Schultern ins Heim schleppt.

  apple.gif  Und seine beiden Töchter werden einfältig kichern und die Figur herzeigen – der Affe fällt nicht weit vom Stamm. Ich werde bescheiden hoffen, dass wenigstens eine von ihnen verstohlen rüberwinkt; und bestimmt tun sie es wieder alle drei. Und ich auch.