Nicht zu knapp

Februar 6, 2008

  Sein Hosenboden glühte grausam. Von rechts überm Auge floss ihm Blut ins Gesicht. Eine harmlose Tracht Prügel vom Herrn Vater, aber er war ungeschickt gefallen und schrie und schrie. Nicht nur wegen der Schmerzen, sondern wegen der Panik in ihm auch und dass der Vater endlich von ihm ablassen sollte. Immer wieder erwischte ihn das Stuhlbein, das der Alte schwang. Wenn er jetzt schlappmachte, war es sein Ende, dann hätte er nicht mehr viel zu erwarten gehabt. Lange konnte er nicht mehr durchhalten; ihm ging bereits die Puste aus…

  Endlich: Da vorne war die Haustür!
  Geschafft.
  Die Treppen runter mit Gebrüll!
  Durch den Keller und nach hinten raus …
  Aufatmen.

  Unten lehnte die dicke Hofner auf ihrer Fensterbank. Er hasste sie. Wieder hatte sie alles mitgekriegt. Und wieder keine Meldung gemacht.
  Da er bei ihr vorüber musste, wischte er die Tränen fort, bedeckte seine Stirnwunde mit einer Hand, grüßte sie nett und wünschte: »Einen schönen Tag, Frau Hofner!«
  »Lauf nur! Lauf nur, mein Junge!«, rief sie ihm großzügig hinterher und hob ansatzweise bis gönnerhaft winkend ihren fetten Arm.

  Irgendwann würden sie die dicke Hofner mit einem Kran abholen, wenn sie so weiter machte, sie leblos von ihrer Fensterbank hieven, mit einem starken Seil um den riesigen Leib geschlungen und gut verschnürt, das war allen klar – damals, als mancher Knirps noch unbedingt Kranführer in der Heimat hatte werden wollen.

Advertisements